Da war sie wieder, diese Zeit. Die Zeit, die viele gerne als die stillste aller Zeiten bezeichnen. Die Zeit, in der sich die Sonne schon früh vom Acker macht und sich die alte Frau Holle stundenlang mit dem Schütteln ihrer maroden Bettwäsche beschäftigt. 

Das ist die Zeit, in der es sich unser Kolumnist und Märchenerzähler Chris Baum mit einem Tässchen Glühwein und seinem Hund Brunzi vor dem warmen Ofen gemütlich macht und das alte Buch mit den Schnirpflinger Weihnachtsgeschichten aufschlägt. Ein Buch mit gar wundersamen Erzählungen...

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Vor vielen Jahren stand in Schnirpfling gleich hinter dem Plempel Wirt, ein kleines schäbiges Häuschen. In jenen Tagen verschlug es den Wanderarbeiter Josef Heulnie und seine Frau Maria samt ihrer 12 Töchter in das tief verschneite Schnirpflinger Tal. Weil der Bürgermeister gerade in der Weihnachtszeit besonders anfällig für gute Taten war, stellte er den Heulnies die Hütte über die Adventszeit  zur Verfügung.

So richtete sich die kleine Familie häuslich ein und hoffte eine friedvolle Zeit an diesem Ort verbringen zu können. Doch in der Düsternis des Winters war ihnen eine unheilvolle Gestalt gefolgt. Ein Wesen, dass die wehrlose Familie nun schon seit 13 Jahren immer wieder heimsuchte. In jener Dezembernacht schlug es abermals zu und legte ein kleines wimmerndes Bündel vor die Tür der Heulnies. Für Papa Heulnie war es nur die 13, doch die Geschwister nannten es die Weihnachtsgerlinde.

Weil Josef nicht wußte, wie er noch ein Mäulchen satt kriegen sollte, wickelte er die kleine Weihnachtsgerlinde in ein Stück Fell und begab sich mit ihr in den Wald. Stunden war er so im Dunklen herumgeirrt, bis er auf einer kleinen Lichtung eine Höhle entdeckte. Hier legte er das kleine Fellbündel ab, in der Hoffnung, dass der Förster von Schnirpfling sich des unschuldigen Kindleins sicher annehmen würde.

Da lag sie nun die Weihnachtsgerlinde, auf Stroh gebetet und in Fell gehüllt. Doch der Förster von Schnirpfling kam nicht in dieser Nacht. Schon deshalb nicht, weil es in Schnirpfling gar keinen Förster gab. Lediglich die drei Fledermäuse Kaspar, Melchior und Baltasar, die es sich an der Decke der Höhle gemütlich gemacht hatten, leisteten dem neuen Erdenbürger Gesellschaft und fütterten sie mit Würmern.

Doch es gab noch zwei weitere Wesen, die in dieser Nacht und in diesem Wald vom Schicksal schwer gebeutelt wurden. Die Wildsau Leni betrauerte gerade die Fehlgeburt von 8 Frischlingen, als ein leises Wimmern an ihre dicht behaarten Schweineohren drang. So kam es, dass in dieser sternenklaren Nacht ein Kindlein in einer Krippe lag und neue Eltern fand. Das Schweinepäärchen Beni und Leni nahm das Kind zu sich und zogen es als ihr eigenes auf.

So wuchs die Weihnachtsgerlinde in den Wäldern von Schnirpfling heran, ohne dass die Bewohner etwas von ihrer Existenz wussten. Beni und Leni hatten ihr stets geraten sich von den Menschen fern zu halten. Doch in jedem Jahr, wenn der Dezember nahte und die Schnirpflinger ihren Weihnachtsmarkt eröffneten, saß sie in den Bergen über Schnirpfling und sehnte sich danach, ein Teil dieser Welt zu sein.

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Die Adventszeit war in Schnirpfling eine ganz besondere Zeit. Eine Zeit, in der alles stillzustehen schien. Keiner dachte mehr an Arbeit oder ähnliche Probleme. Psychologen nennen diesen Zustand gerne Flow. In der Welt der Schnirpflinger gibt es aber keine Psychologen, deshalb nennen sie diesen Zustand einfach nur Rausch und den genießen sie auf ihrem Weihnachtsmarkt in vollen Zügen...

...gleich zu Beginn des Weihnachtsmarktes bietet Rudi sein legendäres Glühbier an. Wer keinen Alkohol mag ist hier falsch und sollte lieber an einem Eiszapfen lutschen...

...einen wohligen Geruch verbreitet auch der Stand von Doris Bägger. Die süße Variante ihrer Käsefüsse gibt es ausschließlich auf dem Weihnachtsmarkt und ist alle Jahre heiß begehrt...

...eine weitere Besonderheit sind Böddschges Mexikanische Mezcaläpfel. Das Geheimnis dieser Spezialität liegt in den gegorenen Bioäpfeln, die immer auch einen Wurm enthalten...

...Marthas Motto lautet wie jedes Jahr - Weihnachten auf Rädern. Alle Jahre wieder werden ihre Penisskulpturen aus Marzipan kontrovers diskutiert, aber immer alle verkauft...

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Das Echo der Trompeten, das jeden Abend die Eröffnung des Weihnachtsmarktes anzeigte, drang bis tief in die Wälder über Schnirpfling. Für Gerlinde klangen diese Töne wie ein Lockruf und schürten in ihr abermals das Verlangen, einmal Teil dieses Geschehens zu sein. So viele Jahre gärte nun schon die Sehnsucht in ihr.

Ihre Stiefgeschwister Heidelinde und Rufus warnten sie eindringlich. Papa Beni war vor vielen Jahren dieser Verlockung erlegen und nächtens zu dem unheilvollen Ort aufgebrochen. Ein lauter Knall und freudiges Gelächter sind das Einzige, was man noch zu hören bekam. Seit dieser Nacht fehlt von Papa Beni jede Spur.

So erschreckend diese Geschichte auch war, Gerlindes Neugierde war einfach zu stark. Als sich eines Nachts das Stimmengewirr in dem kleinen Ort legte und die Straßenbeleuchtung gelöscht wurde, zog sie los und Heidelinde und Rufus mit ihr.

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Die Eindrücke waren gewaltig. Mit dem Geschick eines Waldbewohners verschaffte sie sich Zutritt zu den Buden. Obwohl das Glühbier nun kalt war, glühte es doch in Gerlindes Kopf weiter...

...die Nachbildungen von Füßen mit den schwarzen Fußnägeln gefielen ihr besonders gut. Vor allem, weil diese ein wohliges Aroma verbreiteten, das Gerlinde so nicht kannte...

...Äpel mit brauner Schicht kannte Gerlinde bereits. So sahen die Äpfel an der Waldwiese aus, wenn sie in den Schweinemist gefallen waren. Diese hier rochen aber irgendwie anders...

...dann diese seltsamen Gebilde in der nächsten Bude. Gerlinde konnte sich keinen Reim darauf machen, verstaute aber alles sorgsam in den mitgebrachten Säcken...

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Es dämmerte schon, als sich Heidelinde, Rufus und Gerlinde auf den Heimweg machten. In ihren Köpfen glühten noch die Reste von Rudis Bierspezialitäten nach. Gerlinde war froh, endlich den Mut gefunden zu haben, den Geheimnissen in Schnirpfling auf den Grund zu gehen. Jetzt war sie zwar kein Teil dieser Welt, aber sie hatten sich ein paar Säcke davon nach Hause geholt...

Eine ereignisreiche Nacht geht zu Ende und noch bevor der Morgen dämmert, liegt schon die druckfrische Ausgabe der Schnirpflinger Postille in den Zeitungskästen. Wie so oft mit einer Schlagzeile über die Prunksucht des Bürgermeisters und darüber, dass der Weihnachtsbaum wiedermal viel zu üppig geschmückt wurde.

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Die Ereignisse der letzten Nacht lagen noch im Verborgenen, als Schnirpfling aus dem süßen Glühbierrausch des vorangegangenen Adventsabends erwachte.

Der Erste, der die nächtlichen Missetaten entdeckte war Rudi. Ein Teil seines kostbaren Nasses war verschüttet, der Rest fehlte gänzlich. Was für eine Schweinerei mitten im Advent...

Doris Bägger beklagte lauthals den Verlust ihrer Käsefüsse. Ein Umstand, der so manchen eher glücklich gestimmt hätte. Nicht so die Backkünstlerin von Schnirpfling...

Auch Gärtner Böddschge erging es nicht besser. Alle Äpfel samt Würmer waren verschwunden. Nicht nur er, selbst die Dekoration seiner Weihnachtsbude war angefressen ...

Martha Mumpf war das erste mal in ihrem Leben sprachlos. Man hatte ihr den gesamten Stand leer geräumt. Die ersten Worte die sie wiederfand waren - diese Schweine mach ich platt...

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Das Rathaus lag noch in der Düsternis dieses Dezember Morgens. Niemand ahnte, dass Schnirpfling bald weit mehr als nur den Verlust seiner Weihnachtswaren zu beklagen hatte. Der weihnachtliche Glanz vor dem Rathaus war erloschen...

Auf dem Weihnachtsmarkt gab es indes hitzige Debatten, in welchen Reihen die Schuldigen zu suchen seien. Überall um die Buden hatte man Wildschweinspuren ausgemacht, aber auch einige, die keiner richtig deuten konnte. Wer immer dafür verantwortlich war, jetzt galt es diese Schweinebande zu finden.

Tief in den Wäldern von Schnirpfling saß die Weihnachtgerlinde an einem wärmenden Feuer und freute sich über all die Dinge, die nun ihre kleine Höhle schmückten. Heidelinde und Rufus hingegen wurden von einer seltsamen Unruhe erfaßt. Irgendwie hatten sie den Verdacht, dass ihr nächtliches Treiben nicht ohne Folgen bleiben würde. Wie ihr euch denken könnt, sollten sie bald recht behalten...

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Die Nachricht vom nächtlichen Überfall auf den Weihnachtsmarkt machte bald die Runde in dem kleinen Örtchen. Alle hätten sich sicher bald beruhigt, wäre da nicht der Verlust des Weihnachtsbaums vor dem Rathaus gewesen. Diesen Frevel konnte Bürgermeister Beutelschneider auf keinen Fall hinnehmen.

So machten sich die Bürger von Schnirpfling auf in die Winternacht, um die Übeltäter aufzuspüren. Sie folgten den Spuren im Schnee, die tief in den Wald führten. Was immer es auch war, dies war die Nacht, in der sie es entdecken und zur Strecke bringen würden. Die Meute war zu allem entschlossen.

Heidelinde, Rufus und die Weihnachtsgerlinde saßen in ihrer Höhle hoch über Schnirpfling und beobachteten mit Sorge das nächtliche Treiben im Wald unter ihnen. Der Schein der Fackeln kam ihrer Behausung immer näher und die Gefahr entdeckt zu werden, stieg von Minute zu Minute. Jetzt gab es nur noch eine Chance unentdeckt zu beleiben. Die Häscher brauchten ein Erfolgserlebnis.

Heidelinde und Rufus brachen völlig unerwartet aus dem Unterholz und die verdutzte Meute folgte ihnen johlend. Vor vielen Jahren hatte Gerlinde eine glitzernde Felswand im Wald entdeckt und dahin führten die Schweine nun ihre Verfolger. Gärtner Böddschge entdeckte die Bescherung zuerst und beim Anblick der goldenen Pracht, vergaßen alle den eigentlichen Grund ihres Kommens.

Gleich am nächsten Morgen hatte sich der Bürgermeister versichert, dass die entdeckte Felswand auf Gemeindegrund lag und den Wald weiträumig absperren lassen. Der Abbau des Goldes hatte Schnirpfling nicht reich gemacht, aber zu einem kleinen Wohlstand geführt. Aus Dankbarkeit erließ der Bürgermeister ein Jagdverbot für Wildschweine und im Jahr darauf wurde an der Stelle, an der bisher die stattliche Tanne stand, ein Schweinedenkmal aus Bronze errichtet.

Die Weihnachtsgerlinde und ihre Schweinebande hatte es geschafft unentdeckt zu bleiben. So sitzt sie auch jetzt wieder zur Weihnachtszeit auf ihrem Felsen hoch über Schnirpfling und beobachtet das geschäftige Treiben auf dem Weihnachtsmarkt. Seit dieser Zeit ist es Brauch, dass am ersten Advent alle Budenbesitzer einen Korb mit einer Auswahl ihrer Waren am Schweinedenkmal abstellen und ihr könnt euch sicher denken, wer sich darüber riesig freut...

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Liebe Freunde unserer Seite. An dieser Stelle möchten wir uns bei allen bedanken, die uns bis heute die Treue gehalten haben. Auch wenn wir nicht mehr so aktiv sind, freuen wir uns doch über jeden von Euch der hier reinstöbert.

Da wir euren Applaus nicht hören können, würden wir uns sehr freuen, wenn ihr ein paar Zeilen in unserem Facebook Account hinterlasst. Vielleicht führt das ja dazu, dass wir hier im nächsten Jahr eine neue Weihnachtsgeschichte erzählen. Also, bleibt friedlich und bewahrt euch euren Humor...

...wir wünschen euch eine schöne Adventszeit!


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